Die industrialisierte Welt steht unter Zugzwang. Die demografische Entwicklung fordert neue Modelle für die individuelle Gestaltung des Arbeitslebens und der Lebensarbeitszeit. „Die Zeit zum Handeln ist jetzt“, sagt Prof. Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

Prof. Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger (Grafik)

Die Weltbevölkerung wächst stetig und wird im Durchschnitt immer jünger. Aber nicht überall. Industrienationen wie Deutschland, Japan oder Italien schrumpfen, der Altersdurchschnitt in diesen Ländern steigt. Schätzungen zufolge wird in Deutschland die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2050 um rund zehn Millionen auf etwa 30 Millionen sinken, die Zahl der Rentner wird erheblich zunehmen. Diese demografische Entwicklung birgt gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Handlungsbedarf.

Neue Wege für die Gestaltung unserer Gesundheits- und Sozialsysteme sind gefragt. Dabei werden wir um einschneidende Reformen nicht herumkommen. Gleichzeitig müssen die Unternehmen immer produktiver und innovativer werden – mit immer älteren Belegschaften. Das betrifft auch die deutsche Automobilindustrie: Hier ist bereits heute jeder vierte Arbeitnehmer über 50 Jahre alt. In zehn Jahren wird es jeder zweite sein. Zugleich verändert sich der Automobilmarkt, denn die „Silver Agers“ stellen ganz eigene Anforderungen an ihr Auto und definieren Mobilität anders.

Angesichts einer alternden Gesellschaft gilt es, die Arbeitskraft der Menschen möglichst lange zu erhalten und das Wissen Älterer so effektiv wie möglich zu nutzen. Dazu brauchen wir nicht zuletzt intelligente Arbeitsmodelle, die stärker als bisher auf die Leistungsfähigkeit und den Leistungswillen des Einzelnen zugeschnitten sind.

„Es liegt in unseren Händen, die Erfahrungen der Älteren weiterzugeben und klug zu nutzen.“ Prof. Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft (Zitat)

Wir wissen längst, dass jüngere Mitarbeiter nicht per se leistungsfähiger und kreativer sind als ältere Kollegen. Eine weitsichtige Personalpolitik setzt hier mit altersgerechten Arbeitsmodellen an. Auch die betriebliche Gesundheitsförderung muss schon bei den jungen Mitarbeitern beginnen, damit möglichst viele von ihnen das Renteneintrittsalter gesund erreichen.

Die „silbernen Zeiten“ haben bereits begonnen. Wirtschaft und Gesellschaft sind gut beraten, sich schnell und umfassend darauf einzustellen. Es liegt in unseren Händen, die Erfahrungen der Älteren weiterzugeben und klug zu nutzen.

HANS-JÖRG BULLINGER

67, IST SEIT 2002 PRÄSIDENT DER FRAUNHOFER-GESELLSCHAFT.

Fraunhofer ist mit mehr als 80 Forschungseinrichtungen allein in Deutschland die größte Organisation für angewandte Forschung in Europa. Mehr als 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, überwiegend mit natur- oder ingenieurwissenschaftlicher Ausbildung, arbeiten weltweit für die Fraunhofer-Gesellschaft. Das Forschungsvolumen beträgt jährlich rund 1,7 Milliarden Euro.

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